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Dezember 14, 2013

Peter Stamm

Vor vollem Seminarraum – knapp 60 Zuhörer/innen – durften wir am 10. Dezember 2013 den amtierenden Mainzer Stadtschreiber Peter Stamm bei uns begrüßen.

Zunächst trug er drei Stellen aus seinem Roman Nacht ist der Tag vor. Die erste Stelle vom Anfang des Textes riss uns genauso unvermittelt in die Situation wie die Fernsehmoderatorin Gillian, die nach einem Autounfall mit zerstörtem Gesicht und totem Mann aufwacht. Wir werden Zeugen der Verfremdung zwischen Gillians Vater und seiner Tochter, weil er nicht weiß, wie er auf ihren Zustand reagieren soll. Außerdem dürfen wir miterleben, wie Gillian die kriselnde Beziehung zu ihrem Mann seziert.

Der zweite Abschnitt spielt nach einer ersten OP, durch die Gillian ein vorläufiges neues Gesicht bekommen hat. Sie betrachtet die Aufzeichnung einer ihrer Sendungen und erkennt dabei ihre einstige Person, zu der sie auf einmal eine große Distanz hat.

Zuletzt beobachten wir voyeuristisch und in Retrospektive, wie der Maler Hubert Gillian nackt zeichnet. Die Protagonistin erlebt dabei die Trennung zwischen ihrem Körper und ihrem Ich, wobei sie hofft, dass der Künstler ihr Wesen entdeckt und ihr vor Augen führt, wer sie wirklich ist.

Nach dieser panoramaartigen Lesung folgt eine intensive Fragerunde mit dem Autor, bei der das Publikum viel erfahren darf. So hat sich Peter Stamm für seine Recherchen zum Beispiel selber malen lassen. Doch trotz seiner intensiven Recherchearbeiten käme er nie auf die Idee, autobiographisch zu schreiben. Um das Wort „Eieruhr“ aus dem Roman gab es vor der Veröffentlichung lange Diskussionen und letztendlich sorgte ein Hotelportier dafür, dass es drin vorkommen darf. Stamm denkt beim Schreiben nicht ans Publikum und will dem Leser mit seinen Texten nichts sagen und hält seine Werke auch nicht für originell. Selber lesen tut er sie auch nicht. An Gedichten hat er sich übrigens noch nie versucht. Stamm schreibt auch journalistische Texte, findet aber, dass ausschließlich die Fiktion in der Lage ist, die Wahrheit zu sagen, da gut Journalismus immer an einen Kodex gebunden sei.

Manchmal schmeißt Stamm auch Texte weg, oder lässt sie halb geschrieben mehrere Jahre in der Ecke liegen, wie es bei Nacht ist der Tag der Fall war. Inspiration holt sich Stamm nicht bei literarischen Vorbildern, sondern im Leben, aber er gibt trotzdem zu, auch mal bei anderen Autoren zu „klauen“.

Peter Stamm behauptet von sich, gut mit Kritik umgehen zu können, doch was er in Rezensionen nicht über sich lesen möchte, ist, dass er kalt schreibe. Er schreibt zwar nicht über Gefühle, aber er beschreibt Situationen, die Gefühle auslösen sollen. Außerdem wünscht er sich, dass Kritiker mehr auf die Sprache achten, auf Rhythmus und Distanz zur Figur. Für ihn selber ist die Handlung das unwichtigste an einem Buch. Deswegen bietet er Übersetzern seiner Werke auch gerne Hilfe an, wenn sie Fragen zur Übertragung in eine andere Sprache haben. Doch zu seinen Figuren, insbesondere der Kathrine aus Ungefähre Landschaft, entwickelt er liebevolle Beziehungen.

Stamms Roman Agnes wurde in Theaterfassungen übertragen, von denen der Autor zwei gesehen hat.

Peter Stamms Urteil über Mainz und seine Bewohner: die Stadt ist nett, lustig und besonders wegen des Rheins schön, die Leute sagen erfrischend direkt, was sie meinen.

Peter Stamms Weihnachtsgeschenktipps: Wünsche von Judith Kuckart und Ein Mann der schläft von Georges Perec.

Peter Stamms nächstes Buch: Er möchte nichts verraten, außer, dass er bei den Recherchen wohl nass werden wird.

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